Der kleine Pinguin Billy ist kaum aus dem Ei geschlüpft, da wird er in einen Zoo nach Afrika gebracht. Dort ist ihm natürlich viel zu heiß,

auch wenn die Tierpfleger sonntags Eiswürfel in sein Becken tun.

Eines Tages frisst Billy ein Wörterbuch,

das ein Mädchen an seinem Gitter verloren hat.

Vom nächsten Tag an kann er sprechen und die

Menschen verstehen.

 

Er täuscht vor, ein Müllsack zu sein,

reißt aus dem Zoo aus und macht bei seiner Flucht

die ganze Stadt verrückt.

Dabei will er eigentlich nur eines:

Endlich wieder nach Hause zu seinem netten, kalten, Südpol.

 

Eine ziemlich freche Geschichte in acht Kapiteln.

 

(Für Kinder von 6 bis 12 Jahren).

Billy

Mit fünf wunderschönen Bildern der 14jährigen Schülerin

Jutta Meisen.

 

52 Seiten, mittelgroße Schrift

6,00 €
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Diese Bilder sind im Buch enthalten

 

 

Und hier ist eine Leseprobe

 

Ursprünglich kam Billy aus einem Ei. Nicht so einem kleinen, weißen 5-Minuten-Ei, wie Ihr es kennt, liebe Kinder, wo Ihr Salz und Pfeffer drauf streut. Nein, Billy war etwas Besseres: Er kam aus einem schönen, großen, grün gesprenkelten Ei.

 

Billys Mama hatte ihr Ei lange mit sich herumgetragen und es dann in ein Nest aus kleinen Steinen gelegt; etwas anderes gab es auf ihrer Insel leider nicht.

 

Von da an hatte Billys Papa darauf aufgepasst. 35 Tage lang hatte er auf Billy gesessen oder ihn auf seinen Plattfüßen herum geschleppt. Und weil es im Freien immer so furchtbar kalt war, hatte Billys Papa seinen eingebauten Eierwärmer über seinen Sohn gestülpt, eine natürliche Bauchtasche, die alle Pinguine haben.

 

Billy war ein Adeliepinguin und wurde nahe dem Südpol unseres Planeten geboren. Der Südpol ist ganz unten auf unserer Erdkugel, dort wo alles hinrollt, das man fallen lässt. Billys Heimat war eine Insel namens Ross Island. Da gab es beinahe eine Million dieser Tiere.

 

Die standen, dichtgedrängt wie auf einer Party, den ganzen Tag am gleichen Fleck und zählten einander ab. Das taten Billys Stammesmitglieder nun schon seit Hunderten Jahren. Darum war auf Ross Island von morgens bis abends ein ständiges „ark, aark“ zu hören.

 

Die meisten Pinguine hatten keine Ahnung, wofür ihr Zählen eigentlich gut war oder wer diese Tradition begonnen hatte. Doch die Ältesten unter ihnen, die noch vieles von ihren Großeltern gelernt hatten, erinnerten sich an eine uralte Prophezeiung, der zufolge eines Tages ein großer Lehrer vom Himmel fallen und sie von allem erlösen würde.

 

Dies solle angeblich geschehen, sobald die Pinguine die magische Zahl ‚Eine Million’ erreicht hätten. Einige Adeliepinguine deuteten die Prophezeiung sogar so, dass gerade derjenige unter ihnen, der als das millionste Mitglied auf die Welt kommen würde, ihr erwarteter Meister sei. Deshalb zählten sich die Pinguine täglich einmal durch.

 

Wenn die Tiere dann am Ende ihres Tages mit ihrer Bestandsaufnahme fertig waren, stürzten sie sich schnell noch ins eiskalte Wasser, um wenigstens ein Abendessen zu ergattern. Am liebsten fressen Pinguine Krebse und kleine Fische. Manche Forscher sagen, Pinguine schwimmen so gut wie Delphine. Und das, obwohl sie eigentlich zu den Vögeln gezählt werden ...

 

*

 

Wochenlang hatte Billy in seinem Ei gesessen und nichts anderes getan, als die Tage bis zu seiner Geburt an seinen zwei Flossen abzuzählen. Da er sich dabei immer wieder verzählte wurde ihm nie langweilig.

 

Für jeden neuen Tag machte Billy mit seiner Fußkralle einen Strich an die Innenseite seines Eis. Irgendwie wusste er, dass er nur 35 Tage drinnen bleiben musste. Als der letzte Tag gekommen war, drückte Billy seine Beine kräftig nach vorn, zerbrach seine Eierschale und stieg aus.

 

„Ach, da ist ja der Billy!“, sagte sein Vater und freute sich. „Pünktlich wie die Maurer.“

„Tach Papa!“, piepste Billy. „Hunger!!“

 

Billys Vater wusste schon, dass sein Sohn bald geboren würde und hatte ein paar Krabbenburger für ihn bereit gelegt.

 

„Billy“, sagte der Papa nach dem Essen, „ich muss dir etwas Wichtiges erklären. Du bist vielleicht das millionste Mitglied unserer Gemeinschaft, doch genau wissen wir das erst morgen, wenn wir alle wieder durchgezählt haben.“

 

„Heißt das, ich habe was gewonnen?“, fragte Billy aufgeregt.

„Gewonnen?“ Billys Vater verstand nicht so recht.

 

„He, Archie, hast du heute schon den Wetterbericht gehört?!“, rief ein Nachbar Billys Vater von der Seite aus zu.

„Da soll morgen eine Sturmfront aufziehen“, gab Archie zurück und zog sein schwarzes Jackett enger zu.

 

Billy drehte sich um und betrachtete einen Pinguinkindergarten nahebei.

„Na dann eben nicht“, brummte er unzufrieden.

 

Endlich kam auch Billys Mama wieder nach Hause, umarmte und küsste ihren Sohn und legte ihm einen Begrüßungsfisch vor die Füße. Nach dem gemeinsamen Abendessen erzählten sich Billys Eltern schnell noch ihre wenigen Abenteuer, dann brach die bitterkalte Polarnacht an, und sie schliefen im Stehen ein.

 

Ihr müsst nun aber nicht denken, dass Pinguine stillstehen, nur weil sie schlafen. Nein, die ganze Nacht lang watscheln sie hin und her, mit ihren Babys unter ihren Wärmeglocken. Um nämlich die ganze Kolonie vor der grausamen Kälte zu schützen, müssen Pinguine ständig ihren Platz wechseln.

 

Dabei arbeiten sich die, die außen stehen, allmählich bis zur windgeschützten Mitte vor, während die Inneren an die Ränder wandern, bis auch sie wieder zu den wärmeren Plätzen im Zentrum aufrücken dürfen.

 

Am folgenden Morgen beginnen die Pinguine dann wieder mit ihrem endlosen Zählen: „ark, aark...“. Und weil sie immer so genau aufpassen, dass niemand verloren geht, gibt es heute sehr viele Pinguine weltweit, so wie Billy, von dem diese Geschichte erzählt ...

 

*

 

Am Tage vor Billys Geburt herrschte große Aufregung auf Ross Island. Denn in letzter Zeit waren nur wenige Alte gestorben, etliche Eier standen kurz vor dem Schlüpfen, und die ganze Pinguin-Gemeinschaft fieberte dem geheimnisvollen Tag entgegen, an dem die magische Zahl ‚Eine Million‘ endlich erfüllt sein würde.

 

Die meisten Pinguine waren der Meinung, dass dann gar nichts Besonderes passieren würde, aber selbst sie waren sich nicht ganz sicher. Vielleicht würde ihnen doch ein Erlöser geboren? Wovon er sie allerdings erlösen sollte, wusste keiner. Vielleicht von ihrem ewigen Zählen?

 

Doch ausgerechnet in jener Nacht, vor dem vielleicht größten Tag der Kolonie, kamen einige vermummte Männer im Schutz der Dunkelheit angeschlichen und fingen den soeben aus dem Ei geschlüpften Billy, seine Mutter und fünf Nachbarn mit Netzen ein.

 

Es waren keine bösen Männer, denn sie wollten die Pinguine nur in einen Zoo nach Afrika bringen, damit wir Menschen sie anschauen können. Aber das wusste Billy natürlich nicht. Er hatte einfach nur Angst.

 

Auch Billys Mutter und seine Nachbarn hatten Angst. Sie wurden ziemlich schnell in Holzverschläge gesteckt und in ein Propellerflugzeug verladen, das vom spiegelglatten Eis der Antarktis startete und mit seiner wertvollen Fracht zu seinem Heimatflughafen in Tansania (Afrika) zurückkehrte.

 

Am nächsten Tag war die Enttäuschung unter den Pinguinen von Ross Island groß, und sie mussten einen Fastentag einlegen.

 

Denn da sieben aus ihrer Gemeinschaft fehlten, ohne dass jemand eine Ahnung hatte, wo sie hingekommen waren, glaubten sie, sich verzählt zu haben. Darum zählten sie alle noch einmal durch, kamen wieder zum gleichen Ergebnis und hatten dann keine Zeit mehr zum Jagen.

 

Vor lauter Kummer starben vier alte Pinguine; auch die Weibchen hatten keine Lust mehr, Eier zu legen, und es dauerte noch lange, bis die Pinguine auf Ross Island der Zahl ‚Eine Million‘ wieder nahe kamen.

 

Es kehrte eine traurige Ruhe in das Leben der großen Vögel ein, und in ihren Herzen wunderten sie sich, wo Billy und die anderen nur geblieben waren.

 

 

 

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