„Die Abenteuer der Giraffe Gypsie“

 

Gypsie und Tom sind zwei Giraffenkinder,

die viele lustige Abenteuer in Afrika erleben.

 

Sie retten ein Löwendorf aus den Schneemassen;

sie führen die ganze Tierwelt aus einem schlimmen

Sandsturm; sie bringen die Vereinten Nationen dazu,

sich um ein Dorf mit eingeborenen Kindern zu

kümmern.

 

Auch ein alter Löwe, der ständig seine ausgefallenen

Zähne zählt, ein donut-süchtiger Seeadler und ein

Nashorn, das Angst vor Hunden hat –

alle spielen eine lustige Rolle.

 

Eine sehr fröhliche Geschichte in fünf Kapiteln,

mit einem schönen Ende.

 

(Für Kinder von 6 - 12 Jahren)

Gypsie

Mit sechs wunderschönen Bildern der Wegberger

Malerin Ulla Gotzen.

 

52 Seiten, mittelgroße Schrift

6,00 €
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Diese Bilder sind im Buch enthalten

 

 

Und hier ist eine Leseprobe

 

Eines Tages gab es in der afrikanischen Steppe einen großen Sturm, der unheimlich viel Staub und Sand aufwirbelte. Der flog so hoch, dass kein Erdschwein und kein Elefant mehr etwas sehen konnte. Und gerade in diesem furchtbaren Unwetter kam das kleine Giraffenmädchen auf die Welt, von dem diese Geschichte erzählt.

 

Der Sturm über der Steppe dauerte nicht nur stunden-, sondern tagelang. Am schlimmsten aber war, dass das kleine Giraffenbaby seine Eltern irgendwann nicht mehr sehen konnte. Plötzlich waren sie weg.

Nach drei Tagen hatte sich der Staub zwar wieder völlig zu Boden gelegt und ruhte sich von seinem Wüten aus, und alle Tiere in Afrika konnten wieder ganz weit gucken; aber so oft die kleine Giraffe ihren Kopf auch drehte, nach rechts und links, nach oben und unten, sie konnte ihre Eltern nicht mehr finden.

 

Da war sie furchtbar traurig und weinte. Schließlich aber stand sie auf und ging alleine los, einfach irgendwo hin. Zum Glück können die meisten Tiere ja gleich nach ihrer Geburt laufen, auch die Giraffen. Sie sind nicht wie wir Menschen, die erst mal ein Jahr herumliegen müssen, bevor sie auf eigenen Beinen stehen können.

 

Die kleine Giraffe freute sich, dass sie ganz in ihrer Nähe eine Waldinsel fand, auf der schöne saftige Bäume und Sträucher wuchsen. Hungrig verspeiste sie das gesunde Grün und knabberte am Ende sogar noch die Baumrinde an. Es war eine Oase, und zu ihr gehörte ein Wasserloch, woraus die kleine Giraffe von nun an täglich trank. Das heißt, nachdem sie erst einmal den Schrecken über ihr eigenes Spiegelbild überwunden hatte. Nun fühlte sie sich wohl, und hier blieb sie eine ganze Zeit lang.

 

Nach einigen Wochen konnte das Giraffenkind so gut herumlaufen wie eine große Giraffe. Weil es aber keine Eltern hatte, dachte es sich:

Es sieht so aus, als müsste ich für mich selbst sorgen. Von irgendetwas muss ich schließlich leben. Diese kleine Waldinsel werde ich bald abgefressen haben, also sollte ich mir besser eine Arbeitsstelle suchen.

 

Ein letztes Mal stopfte sich die Kleine mit Blättern voll, trank dazu etwa 20 Liter Wasser und marschierte aufs Geratewohl los, immer der Nase nach. Und da diese ziemlich weit vor und über dem Rest ihres Körpers war, hatte sie ein gutes Stück zu laufen.

 

Bald kam die Giraffe in ein Dorf und fragte am Postamt nach, ob man irgendeine Arbeit für sie habe. Sie hatte Glück, denn der Postbote, der bis dahin in der Steppe die Briefe ausgeliefert hatte – nämlich das Nashorn – lag schwer verletzt im Krankenhaus. Es war aus lauter Angst vor einem Hund gegen den einzigen Baum weit und breit gelaufen und hatte sich sein Horn angeknackst. Seither stapelten sich die Postsendungen in Afrika, und es wurde dringend ein neuer Briefträger gebraucht. Da kam die kleine Giraffe wie gerufen und durfte sofort mit der Arbeit beginnen. Von nun an war sie der Briefträger.

 

Da sich das Giraffenkind nie mit seinen Eltern unterhalten konnte, wusste es natürlich auch nicht, wie es hieß. Deshalb gab ihm der Vorsteher des Postamts einen Namen, und zwar „Gypsie“. Gypsie bedeutet so viel wie Landstreicher, jemand der kein Zuhause hat. Nun hatte die Giraffe wenigstens einen Namen.

 

Gypsie hängte sich den prall gefüllten Postsack um, besuchte noch kurz das Nashorn im Krankenhaus und wanderte dann einfach los, quer durch die Steppe, überallhin. Sie besuchte das Warzenschwein und die Murmeltiere in ihrem Bau unter der Erde, und auch die Schlange bekam ab und zu einen Brief. Nur vor den Löwen hatte Gypsie noch unheimlich Angst, darum richtete sie für die Löwen ein Postfach ein, wo sie sich ihre Briefe selbst abholen mussten.

 

Und noch mehr Tiere gab es in der Steppe, die Gypsie beliefern musste. Zum Beispiel die Elefanten, die oft Pakete erhielten, oder die vielen Gnus, die wie große Stiere mit langen Hörnern aussehen. Sie bekamen immer viel Post, meistens Massensendungen, weil sie auch ständig in Massen herumliefen. Dann waren da noch die Zebras, Gazellen und Antilopen, die jede Menge Werbesendungen und Kosmetikproben erhielten, weil jede Firma wusste, dass diese Tiere sehr auf ihre Schönheit achteten.

 

Was denkt Ihr übrigens, warum der Leiter des Postamts gerade das Giraffenkind als neuen Briefträger eingestellt hatte? Da wären nämlich noch genügend andere Bewerber für diese Arbeitsstelle gewesen. Der Dachs zum Beispiel, der mit den Briefen seinen Bau gegen Regen abdichten wollte; ein alter Geier, der seine Altersrente aufbessern wollte, und eine ganze Affenfamilie, die sich mit dem Geld eine Bananenplantage kaufen wollte.

 

Früher hatte der Vorsteher des Postamts für diese Aufgabe ja das Nashorn ausgesucht, hauptsächlich aus dem Grund, weil ihn sein Horn so sehr an ein Posthörnchen erinnerte. Ein Nashorn war auch groß, trotzdem muss der schwere Postsack bei dem Nashorn wohl immer etwas über den Boden geschleift haben. Dadurch waren viele Briefe schmutzig und nass geworden, und es hatte diesbezüglich etliche Beschwerden gegeben. Der Leiter des Postamts hatte schon seit einiger Zeit herumgerätselt, was das Nashorn mit der Post nur anstellte.

 

Seltsam fand er es auch, dass beim Nashorn die Briefe sogar in der Trockenzeit nass wurden. Deshalb hatte er schon lange den Verdacht, dass das Nashorn während der Arbeitszeit Schlammbäder nahm und aus lauter Faulheit die Postsäcke vorher nicht ablegte. Aber beweisen konnte er dem Nashorn das nicht.

 

Darum war der Leiter des Postamts eigentlich ganz froh, dass der alte Briefträger jetzt im Krankenhaus lag. Wenn sich Gypsie aber den Postsack über die Schulter oder über eines ihrer kleinen Hörner hängte, baumelte der Sack an ihrem Hals herunter und war immer noch so weit über der Erde, dass kein Brief mehr nass oder dreckig werden konnte. Da freuten sich alle Tiere.

 

Außerdem hat eine Giraffe als Briefträger den Vorteil, dass sie ganz weit gucken kann. Giraffen sind die größten Landtiere. Sie werden fünf bis sechs Meter groß. So wusste Gypsie viel früher als ein Nashorn, wo die Empfänger ihrer Briefsendungen sich gerade aufhielten. Denn sie zu finden war nicht immer einfach. Die Tiere blieben auch in Afrika nicht den ganzen Tag auf ihrem Hintern sitzen, nur um auf die Post zu warten.

 

Im Laufe der Monate lernte Gypsie viele Steppentiere kennen und erledigte ihre Arbeit sehr zur Zufriedenheit ihres Vorgesetzten. Sie selbst blieb dabei aber traurig, weil sie ihre Eltern so sehr vermisste. Sie wollte endlich auch ein richtiges Zuhause haben, eine richtige Familie mit Papa und Mama und wenn möglich Geschwistern. Immerhin war Gypsie noch sehr jung, gerade mal ein Jahr alt.

 

Eines Tages hatte Gypsie einen Brief in ihrem Postsack, der war an eine Giraffenfamilie namens Gustav und Grete Giraffe gerichtet. Gypsie musste lange nach dem Giraffendorf suchen, weil sie noch nie dort gewesen war. Giraffen bekommen nämlich sehr selten Briefe, da sie selbst auch kaum welche schreiben können. Wegen ihrer Größe haben Giraffen mit dem Hinunterbücken größte Schwierigkeiten, und Schreibtische gibt es in der Steppe leider noch nicht.

 

Nun aber bekamen die Giraffen doch einmal einen Brief, und Gypsie war sehr aufgeregt, weil sie zum ersten Mal in ihrem Leben in das Tal der Giraffen gehen durfte. Sie fragte viele Tiere nach dem Weg und lieferte ihren Brief schließlich wohlbehalten bei Gustav und Grete Giraffe ab.

 

Die zwei betrachteten Gypsie sehr interessiert, und Grete sagte:

„Du bist aber ein hübscher, neuer Briefträger! Was ist denn aus dem brummigen Nashorn geworden? Das mochten wir gar nicht leiden, weil es immer so unanständig grunzte. Außerdem behandelte es die Briefe schlecht, denn die sahen oft wie durchgekaut aus.“

 

Gypsie wusste nicht so recht, was sie darauf antworten sollte, doch Grete fuhr bereits fort:

„Wenn man schon mal einen Brief bekommt, soll er auch schön aussehen. Gut, dass du nun der neue Briefträger bist, so ein hübsches, kleines Giraffenkind! – Wie heißt du denn eigentlich?“

 

„Ach, meinen richtigen Namen weiß ich nicht“, sagte die kleine Giraffe, „denn ich habe meine Eltern im Sandsturm verloren. Aber der Postbeamte, der mir meine Arbeitsstelle gab, nannte mich Gypsie, und seither heiße ich so.“

Sie klimperte mit ihren langen, hübschen Wimpern. Dann verabschiedete sich Gypsie und lief den langen Weg ins Postamt zurück.

 

An diesem Abend war zufällig ein anderes Giraffenpaar bei Gustav und Grete zum Essen eingeladen – Gottlieb und Gudrun Giraffe. Sie waren alte Freunde, die sich schon lange nicht mehr getroffen hatten und nun zusammen ihre Speisen genießen wollten. Das Essen war ausgezeichnet und die vier Giraffen unterhielten sich bestens. Plötzlich aber fing Gudrun an zu weinen.

 

Da fragte Grete: „Gudrun, was ist eigentlich mit dir los? Ich wundere mich schon den ganzen Abend. Du warst doch früher immer so fröhlich, kein Baum war dir zu hoch – weißt du noch, wie du einmal gehüpft bist, um die allerhöchsten Blätter eines Akazienbaumes zu erreichen und dann auf den Hintern gefallen bist? Und jetzt bist du nur noch ein Schatten deiner selbst, kriechst über den Boden und siehst – verzeih mir die Offenheit! – richtig erbärmlich aus.“

 

Gudrun erwiderte: „Ach weißt du, ich bin nur so schrecklich traurig, weil ich im letzten, großen Sandsturm mein Baby verlor und es seitdem nicht wiedergesehen habe!“

 

„Das ist aber wirklich traurig!“, sagte Grete. „Ich wusste ja gar nicht, dass du guter Hoffnung warst. Hast du denn schon überall nachgefragt?“

 

„Nachgefragt, Gudrun?! – Ich bin ein halbes Jahr lang kreuz und quer durch Afrika gerannt, habe weder Hunger, noch Hitze oder Hyänen gefürchtet – doch gefunden habe ich mein Kind nicht! Nun weiß ich nicht mehr, wo ich noch suchen soll.“

Abermals brach die Mama in Tränen aus.

„Wie sah es denn aus?“, fragte Grete. „Hatte es ein besonderes Merkmal?“

„Ja“, schniefte die Giraffenmama, „das weiß ich noch ganz genau. Es hatte ein kleines, braunes Herzchen am Hals, direkt unter dem Kopf.“

 

„Wie? – Direkt unterm Kopf?!“

„Ja, so sah mein Baby aus, aber ich habe es nur einmal kurz anschauen können, dann kam dieser schreckliche Sturm, und tagelang konnte niemand mehr etwas sehen. Als der Staub dann endlich weg war, war auch mein Kleines weg!“

„Giraffe!“, rief Grete erregt. „Hast du heute den neuen Briefträger gesehen?“

„Nein“, erwiderte Gudrun, „ich habe dieses Jahr noch keine Post bekommen.“

 

„Der neue Briefträger ist ein Giraffenkind. Nicht mehr das stinkige Nashorn, das liegt zum Glück im Krankenhaus. Und ob du es glaubst oder nicht, Gudrun – halte dich fest! Es hatte ein Herz am Hals direkt unterm Kopf.“

 

„Das ist mein Baby, das ist mein Kind!“, schrie die Giraffenmama und sprang auf. „Das muss mein Kind sein! Schnell zum Postamt!“

Sie schüttelte sich und rannte zur Tür.

 

„Halt!“, rief Grete. „Wir wissen doch gar nicht, wo das Postamt ist!“

„Stimmt“, erwiderte Gudrun atemlos und blieb stehen, „aber das wird man doch irgendwie herausfinden können, oder?!“

„Afrika ist aber ganz schön groß!“, gab Grete zu bedenken.

„Ja was sollen wir denn tun?!“ Plötzlich verlor die Giraffenmama allen Mut.

„Wir rufen die Auskunft an“, schlug Grete vor. „Die wissen wo das Postamt ist.“

„Die Auskunft, Grete? Aber wir haben doch gar kein Telefon!“

„Ach ja, richtig“, erwiderte Grete zerknirscht, „das wurde bei uns ja noch nicht erfunden.“

 

„Was mach ich nur, was mach ich nur?!“, jammerte Gudrun. Die Giraffenmama war verzweifelt und rannte hin und her. „Ich will mein Baby wiederhaben!“

 

Die vier Giraffen überlegten und überlegten, kauten Akazienblätter zur Beruhigung, tranken Kokosmilch aus kleinen Schälchen und überlegten weiter. Plötzlich machte Grete einen spitzen Schrei.

 

„Aaaah! Ich glaub ich habe eine Idee, wie wir dein Baby wiederfinden können!“

„Wie denn?“, rief Gudrun ganz aufgeregt und stampfte mit allen Füßen auf. „So sag doch, wie?!“

 

„Pass auf“, meinte Grete, „wir schreiben dir einfach einen Brief, den bekommst du dann irgendwann zugestellt und kannst selber gucken, ob der Briefträger dein Baby ist.“

„Oooh, ich danke dir, liebste Grete, ich danke dir von ganzem Herzen. Was für eine wunderbare Idee!!“

 

Schnell setzte sich Gudrun hin, ohne auf die Schmerzen in ihren langen Beine zu achten, schrieb einen kurzen Brief, steckte ihn in einen Umschlag, klebte eine Briefmarke darauf und schrieb vorne auf den Umschlag: An Gudrun und Gottlieb Giraffe, Giraffendorf, Afrika...

 

Doch was passierte dann?

 

 

 

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