Auf dieser Seite finden Sie ein Buch mit Kurzgeschichten für Erwachsene und Jugendliche

 

 

 

Ein Buch mit 21 lustigen bis skurrilen Kurzgeschichten, die den Leser in eine unbekannte Welt des Herzens entführen, in

der selbst Blätter und Steine lebendig sind

und Gedanken und Gefühle haben.

Geschrieben und herausgegeben von

Wolf D. Fischer.

 

„Geschichten für Herz, Gemüt und Verstand ... mit meist überraschender Schlusspointe“

 

      (Rheinische Post  vom 21.01.2010)

 

Schmunzelgeschichten

Ein Buch für Erwachsene oder Jugendliche mit meinen lustigsten Kurzgeschichten (Motto: "Könnte jedem mal passieren")

 

60 Seiten, mittelgroße Schrift

Schmunzelgeschichten
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Und hier ist eine Leseprobe

Blind und taub

 

EINE ordentlich gekleidete, aber durch widrige Umstände derzeit etwas Not leidende Dame trat in ein Rheydter Optikergeschäft und blickte sich neugierig um. Sie war etwa 40 Jahre alt, schlank, hatte kurze, brünette, leicht gewellte Haare und trug zu ihrem abgegriffenen Alpakamantel eine lila Brille auf der Nase.

 

Der Verkäufer bemerkte ihr Eintreten nicht. Er sortierte voll Eifer eine Schublade mit Sonnenbrillen, denn er hasste die Unordnung seines Chefs und hatte sich für diesen Tag vorgenommen, einmal gründlich aufzuräumen.

 

Die zahlreichen Brillenmodelle an den Säulen und Wänden schauten gelangweilt bzw. erwartungsvoll auf die Kundin hinab. Einige hauchten sich zu: „Wer von uns wohl diesmal drankommt?“

Da begriff auch die lila Brille auf der Nase der Dame, dass sie in einem Brillengeschäft war und quietschte vor Vergnügen in ihrer für Menschen unhörbaren Brillensprache.

 

„Hallo Girls!“ rief sie den anderen Gestellen begeistert zu.

Die meisten Modelle blinzelten zwar weiterhin müde von ihren Regalen herab, doch einige junge, frisch 'reingekommene Gestelle erwiderten fröhlich den Gruß ihrer lila Schwester.

 

Derweil hatte sich die Dame einer Wandfläche genähert, betrachtete intensiv eine Reihe Brillen nach der anderen und setzte schließlich ihre eigene ab. Sie wollte vor dem netten Spiegel einige neue Modelle anprobieren.

 

„Warum will sie dich denn abgeben?“, rief eine achteckige, schwarze Fassung der lila Brille von oben herab zu. „Du siehst doch noch ganz neu aus!“

 

Die lila Brille auf der Ablage schaute hoch und antwortete traurig: „Eigentlich hat mich meine Herrin noch nie gemocht. Aber da, wo ich herkomme, gab es wenig Auswahl, und ihrem Mann gefiel ich so gut, dass sie mich schließlich mitnahm. Außerdem war ich auf Krankenschein.“

Die lila Brille machte eine kleine Pause und fügte dann vertraulich hinzu:

„Unter uns ... sie ist eigentlich auch nicht mein Typ!“

 

Verschiedene Brillen hatten die Unterhaltung mitverfolgt und bewegten sich leise kratzend in ihren Plastikhalterungen hin und her, was man als Zeichen der Zustimmung aber auch als Missbilligung werten konnte.

 

Nun schien es, als wenn die brünette Dame – der Angestellte hatte ihre Anwesenheit immer noch nicht bemerkt – ein vergoldetes Gestell gefunden hätte, das ihr zusagte. Sie stand wenige Zentimeter vor dem Spiegel und blickte äußerst befriedigt hinein. Als sie sich aber umwandte, um den Verkäufer anzusprechen, kam ihr der Raum, in dem sie stand, plötzlich fremd und wie vernebelt vor.

 

Verwirrt machte die Dame einige ziellose Schritte nach vorn, nach rechts, dann nach links, um schließlich völlig die Orientierung zu verlieren. Zu allem Überfluss hatte der Verkäufer (betrieblicher Einsparungen wegen nur eine ungelernte Aushilfskraft) schon am Morgen vergessen, eine neue Batterie in sein Hörgerät einzulegen, weshalb er die Rufe der Dame nicht hören konnte.

 

Als Resultat dieses Aneinander-Vorbeigehens landete die kurzsichtige Dame mit dem eleganten, aber leider glaslosen Gestell auf der Nase in der Besenkammer, wo sie mit ausgestreckten Armen den kleinen Raum voller Putzgeräte abtastete, immer noch auf der Suche nach ihrer eigenen Brille, und unentwegt um Hilfe rief.

 

Der Verkäufer hatte seine Schubladen neu geordnet und machte die Lichter aus. Es war zwar erst 18 Uhr, aber da seiner Meinung nach den ganzen Tag kein Kunde gekommen war würde es kaum schaden, wenn er etwas früher abschloss.

 

Die Dame in der Besenkammer war inzwischen heulend zu Boden gesunken und riss vor Verzweiflung ihrem Alpakamantel die letzten Haare aus.

 

Als sie viel später dann, auf allen Vieren krabbelnd, den Ausgang fand, versperrte ihr ein Gitter den Weg, und sie erkannte, dass sie eingeschlossen war. Zumindest aber hatte die Dame ihr Richtungsgefühl wiedergewonnen. Im schwachen Licht der von außen einfallenden Straßenbeleuchtung kroch sie zu dem quadratischen Betonpfeiler zurück, von dem sie wusste, dass er in der Mitte des Eingangs stand, und hielt sich von da an nach links, wo sich ihrer Erinnerung nach die Ablagen und Wandtafeln mit den Damenmodellen befanden.

 

Dummerweise wurde sie aber, an jener Wand angekommen, trotz ihrer Erfolge von einer derartigen Panik ergriffen, dass sie begann, unter all den Fassungen dermaßen hektisch nach ihrer eigenen zu suchen, dass ein heilloses Chaos entstand, viele Gestelle auf den Boden fielen, und die Dame am Ende keine Ahnung mehr hatte, wo unter all den Bergen von Bügeln ihre eigene Brille wohl liegen könne. –

 

Als der Geschäftsinhaber am nächsten Morgen das Rollgitter hochschob und die Tür aufsperrte, sah er zu seinem Entsetzen eine völlig übernächtigte Dame auf dem Boden sitzen, mit aufgelöster Frisur an einen Betonpfeiler gelehnt, inmitten eines unvorstellbaren Tohuwabohus.

 

Der Geschäftsmann war zutiefst schockiert und hörte aus lauter Angst um sein Renommee den Ausführungen der Dame nur halb zu. Offensichtlich war sie von seiner schwerhörigen Aushilfskraft eingeschlossen worden und hatte ihre Gläser verloren.

 

Der Augenoptiker hatte keine Zeit, in all dem Chaos nach den herausgefallenen Linsen der Dame zu suchen, komplimentierte sie höflich aber bestimmt in einen Drehsessel, nahm ihr diensteifrig das goldene Gestell von der Nase (an dem die Dame wie durch ein Wunder die ganze Nacht lang festgehalten hatte), machte in Windeseile einen Sehtest und war Minuten später mit den fertig geschliffenen und eingefassten Gläsern zurück.

 

Dies ging so schnell, dass die übermüdete Dame gar nicht mitbekam, wie ihr geschah. Sie merkte nur, dass sie plötzlich wieder sehen konnte, war der Annahme, der Optiker habe ihre alte Brille wiedergefunden, bedankte sich kurz und ärgerlich und beteuerte, dass sie so einen Saftladen nie wieder aufsuchen werde.

 

Der Geschäftsmann stimmte ihr in allem zu, machte zahllose Verbeugungen und schloss, als die Dame endlich weg war, aufatmend die Tür hinter ihr zu. Ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

 

Wieder zu Hause erschrak die Frau beim Blick in den Spiegel und lief sofort zum Brillengeschäft zurück. Der Optikermeister kniete noch immer auf dem Boden, als die Dame schon wieder gestikulierend vor seiner Tür stand. Langsam erhob er sich, vermied es aber, zu öffnen.

Darum verstand er auch nur die letzten Worte, welche die Dame ihm durchs Glas zurief:

„... aber noch bezahlen!“

 

Der Optiker war der Meinung, die Dame wolle ihre neuen Gläser bezahlen und hob abwehrend die Hände.

„Schon gut!“, rief er durch die Tür, worauf die Frau ihn anlächelte und fort ging.

 

Beim späteren Aufräumen fand der Geschäftsmann eine ihm unbekannte lila Brille, welche er vorerst einmal, kopfschüttelnd über so viel Unordnung, auf einen freien Fleck unter eine achteckige, schwarze Fassung setzte.

Die schwerhörige Aushilfskraft wurde gefeuert und verstand nicht einmal, warum.

 

So bekam doch – mehr oder weniger – jeder das, was er verdiente.

 

 

 

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